Kampfberichte Kampfbericht
Lewis bleibt Weltmeister
Pünktlich um 04.20 Uhr kam es im Staples Center in Los Angeles zum Walk-In zur Weltmeisterschaft im Schwergewicht nach Version des World Boxing Council (WBC). Der angespannt wirkende Herausforderer Vitali Klitschko ( BP-Nr. 9 ) bahnte sich unter Buhrufen den Weg zum Ring. Mit einiger Verzögerung kam auch der amtierende Weltmeister Lennox Lewis ( BP-Nr. 1 ) in die Halle und führte traditionell seinen Tanz zu Reggae-Klängen vor. Der 37-Jährige hatte zuletzt vor einem Jahr im Ring gestanden, als er im teuersten Kampf aller Zeiten Mike Tyson ( BP-Nr. 3 ) durch KO in Runde acht besiegte.
Aber im Vergleich zum damaligen Kampf wirkte Lewis ( Foto ) diesmal alt und schlecht vorbereitet, der leichte Ansatz von Hüftspeck und die fehlende Definition der Muskelmassen ließen auf keine perfekte Vorbereitung schließen. Schon das Ergebnis des offiziellen Wiegens vom Vortag war Nährboden für diesbezügliche Spekulationen.
Der Beginn der ersten Runde bestätigte diese Spekulationen: Der Brite wirkte langsam und schlug kaum, während der Herausforderer sehr motiviert den Kampf bestimmte. Klitschko etablierte schnell seine linke Führhand und verstand es auch, seine rechte Schlaghand geschickt einzusetzen.
Auch in der zweiten Runde setzte der 31-Jährige sein druckvolles Boxen fort. Nach 1:45 Minuten landete Klitschko eine harte Rechte an das Kinn des Weltmeisters, dessen Kopf zur Seite schnellte. Dies weckte Erinnerungen an die Niederlage gegen Hasim Rahman ( Foto, BP-Nr. 6 ) in Südafrika, als Lewis ebenfalls übergewichtig und schlecht vorbereitet in den Ring stieg und sich nach einem rechten Haken Rahmans auf dem Ringboden wiederfand. Seine Überheblichkeit bezahlte er damals mit dem Verlust des Weltmeistertitels. Doch am gestrigen Abend widerlegte Lewis das Gerücht, er habe ein sogenanntes "Glaskinn" und überstand diese für ihn brenzlige Situation. Klitschko landete weitere harte Treffer, doch der Weltmeister ging nicht zu Boden. Auf der anschließenden Pressekonferenz meinte der Olympiasieger von 1988, die Treffer von Klitschko hätten ihn aufgeweckt.
Zu Beginn der dritten Runde kam es zu der kampfentscheidenden Szene: Unmittelbar nach dem Eröffnungsgong landete der Brite einen schweren rechten Haken am Kopf des Herausforderers. Dieser klammerte anschließend und Lewis brachte im Infight erneut einen rechten Haken unter. Nachdem Ringrichter Lou Moret die beiden Kontrahenten unmittelbar danach trennte, konnte man eine klaffende Wunde über dem linken Auge des Ukrainers erkennen. Die Runde verlief danach ausgeglichen. In der Ringpause zur vierten Runde war zu erkennen, wie groß die Cutverletzung war und bereits zu diesem Zeitpunkt lag die Vermutung nahe, dass der Weltmeisterschaftskampf durch diese Wunde entschieden werden würde.
Klitschko ( Foto ) zeigte sich in der folgenden vierten Runde unbeeindruckt von der Verletzung und kämpfte verbissen weiter. Wieder landete er harte Treffer und zeigte erstmals in seiner Karriere, dass er auch über einen Aufwärtshaken in seinem Schlagrepertoire verfügt. Auch diese Runde ging an den Schützling von Trainer Fritz Sdunek .
In der Ringpause arbeitete Klitschkos speziell für diesen Kampf angeheuerte Cutman Joe Souza fieberhaft an der Cutverletzung über dem linken Auge, erschwerend kam nun auch eine Schwellung unmittelbar unter demselben Auge hinzu. Nunmehr gesellte sich auch, wie schon eine Runde zuvor, der Ringarzt Dr. Paul Wallace in die Ecke des Herausforderers und begutachtete die stark blutende Wunde.
Die fünfte Runde brachte eine kleine Wendung des Kampfgeschehens, denn Lennox Lewis bestimmte erstmals das Geschehen und traf seinen Gegner nun auch öfter, der jedoch unbeeindruckt blieb. Beiden Akteuren war nunmehr deutlich die Anstrengung der vergangenen Runden anzumerken, sie atmeten schwer, die Pausen zwischen den einzelnen Aktionen wurden spürbar länger.
In der Pause zur sechsten Runde war das Augenmerk wieder auf das Gesicht Klitschkos gerichtet. Die Wunde über dem Auge blutete stark und der Cutman tat sein bestes, um die Blutung zu stoppen. Erschwerend kam hinzu, dass sich nun auch die Schwellung unter dem Auge geöffnet hatte und stark zu bluten begann.
Die sechste Runde bestimmte der amtierende Champ des WBC deutlich und landete im letzten Drittel einen seiner unglaublichen Aufwärtshaken. Klitschkos Kopf wurde regelrecht nach oben gerissen. 95 Prozent aller Schwergewichtsboxer wären wohl anschließend zu Boden gegangen, doch Klitschko bewies in dieser Situation fast unmenschliche Nehmerfähigkeiten. Erst nach einem weiteren schweren rechten Haken des Engländers schien der Ukrainer angeschlagen, verstand es aber, durch geschicktes Klammern das Ende der Runde zu erreichen.
In der folgenden Pause war das Ende des Kampfes gekommen. Der Ringrichter hatte den Kampf auf Anraten von Ringarzt Dr. Wallace abgebrochen. Grund hierfür war nicht die starke Blutung, sondern die Tatsache, dass das linke Augenlid dermaßen verletzt war, dass Klitschko es während des Kampfes nicht mehr nach oben ziehen konnte, es die Pupille verdeckte und somit das notwendige Sehvermögen nicht mehr gegeben war.
Klitschko reagierte konsterniert auf die Entscheidung des Ringrichters. Er stürzte in den Ring und bat darum, den Kampf fortsetzen zu dürfen. Nach diesem hoffnungslosen Unterfangen forderte er vom Sieger verzweifelt die Zusage zu einen Rückkampf und war kurzzeitig davor, die Fassung zu verlieren. Das Team der Universum Box Promotion aus Hamburg musste ihren Schützling beruhigen. Das Publikum erkannte durch tosenden Applaus die Leistung Klitschkos an und strafte den Weltmeister mit Pfiffen. Dies war freilich ausgesprochen unfair, denn Lewis konnte die Entscheidung des Ringrichters natürlich nicht beeinflussen.
Hier geht es zu diversen Foto-Galerien des Kampfes: • Fightnews... • Boxingtalk... • BILD... Im anschließenden Interview mit Larry Merchant , dem Boxexperten des übertragenden Senders HBO , meinte der unterlegene Klitschko, sein Sehvermögen sei nicht eingeschränkt gewesen und er wäre sehr wohl in der Lage gewesen, den Kampf fortzusetzen. "Ich bin wahnsinnig enttäuscht, ich bin zerstört" , sagte der Herausforderer. "Ich kann alles sehen. Ich kann kämpfen. Diesen Abbruch verstehe ich nicht. Lennox hatte versprochen, mich in fünf Runden auszuknocken. Das hat er gesagt, weil er die Kondition nicht hat. Jeder hat das gesehen. Wenn nicht abgebrochen worden wäre, hätte ich gewonnen."
In der anschließenden Pressekonferenz zollte der 38-jährige Weltmeister seinem Gegner dann jedoch Respekt. Er bezeichnete ihn als würdigen Herausforderer und bedauerte die Entscheidung des Ringrichters. Lewis zeigte sich für eine Neuauflage des Kampfes bereit, sofern das Geld stimme: "Ich hätte kein Problem mit einem Rückkampf. Ich würde mich sogar darüber freuen. Dann schlage ich ihm die andere Gesichtshälfte ein."
Unabhängig von der Niederlage auf dem Papier darf sich der in Hamburg und Los Angeles lebende frühere WBO-Weltmeister Vitali Klitschko als Gewinner fühlen. Er zeigte außergewöhnlichen Siegeswillen und insbesondere ein enormes Kämpferherz. Er steckte selbst die härtesten Treffer unbeeindruckt weg und ließ sich auch durch die schwere Verletzung des linken Augenlides nicht beirren. Insbesondere in Amerika, dem Land, welches den Leistungen der Klitschko-Brüder sehr skeptisch gegenüberstand, dürfte er sich durch die gestrige beherzte Leistung rehabilitiert haben. Seine boxerische Unterlegenheit glich er durch seinen beherzten Siegeswillen aus. Vor seinem Mut und seinem Willen ist der Hut zu ziehen, denn nur die wenigsten Experten hatten dem Ukrainer zuvor eine derartige Leistung zugetraut.
Kritik jedoch müssen sich Trainer Fritz Sdunek und auch Klitschko selbst wegen ihrer Äußerungen in einem Interview und der anschließenden Pressekonferenz gefallen lassen. Sie behaupteten eisern, die Verletzung Vitalis sei durch einen Kopfstoß herbeigeführt worden und Sdunek stellte sogar die Möglichkeit in den Raum, der Ringrichter oder der Ringarzt könnten bestochen worden sein. Man kann zwar die Enttäuschung verstehen, doch sollten Sdunek und Klitschko auch nach einer Niederlage eine professionelle Haltung bewahren.
Obwohl er seinen Weltmeistertitel behalten hat, verstand Lennox Lewis es nicht, mit seiner gestrigen Leistung zu überzeugen. Der Weltmeister präsentierte sich zunächst motivationslos und überheblich. Es war offensichtlich, dass sich Lewis nicht ernsthaft auf seinen Gegner vorbereitet hatte, sondern vielmehr der Meinung war, auch ohne gezielte Vorbereitung auf Klitschko ungefährdet seinen Titel verteidigen zu können. Die Annahme, er habe aus der ersten Niederlage gegen Hasim Rahman gelernt, scheint sich nicht zu bewahrheiten. Womöglich steigerte sein Sieg gegen Mike Tyson das Selbstvertrauen des gebürtigen Jamaikaners so sehr, dass nunmehr Selbstüberschätzung die bessere Beschreibung für diesen Charakterzug ist.
Zwar geht sein Sieg vom gestrigen Abend zweifelsfrei in Ordnung, denn die Verletzung Klitschkos wurde nicht durch einen Kopfstoß, sondern einen regulären Schlag verursacht. Auch lag Lewis zwar auf den Punktzetteln zwei Punkte zurück, doch schien er seit der fünften Runde dem Kampfverlauf eine Wendung gegeben zu haben und den Kampf zu bestimmen. Den Abbruch kann man daher auch nicht als Glücksfall für ihn bezeichnen. Jedoch ist es für einen Weltmeister einfach unwürdig, gut zehn Monate nicht zu trainieren und mit derartigem Ringrost anzutreten, zumal er sich nun schon aufgrund seines Alters im Herbst seiner Karriere befindet und schon einmal über seine Selbstüberschätzung gestolpert ist. Es ist schwer zu begreifen, dass sich Lennox Lewis, ein Boxer, der in seiner langen Karriere alles erreicht hat, in die Gefahr begibt, seinen eigenen Legendenstatus zu gefährden.
Ob es zu einem Rückkampf kommt, darf eher bezweifelt werden. Zunächst wird man in den USA auf einen Kampf von Lewis gegen Roy Jones (BP-Nr. 5) hoffen, ein Duell, das aus finanziellen Gründen interessanter als ein erneuter Kampf gegen Vitali Klitschko sein dürfte. Dieses Argument dürfte auch auf einen erneuten Kampf zwischen Lennox Lewis und Mike Tyson zutreffen, allerdings müssen hier erst die Geschehnisse außerhalb des Rings abgewartet werden. Die HBO-Verantwortlichen jedoch wollen auf einen sofortigen Rückkampf im Herbst drängen, wie auch Kommentator Jim Lampley signalisierte. "Vitali ist der Gewinner der Events, der Gewinner der Nacht, der Gewinner der Massen. 15.000 Zuschauer sind als Fans der Klischkos nach Hause gegangen" , so der erfahrene Kommentator. "Für das Boxen war es eine wunderschöne Blutauffrischung. Lasst uns den Rückkampf sehen. Wir werden alles dafür tun."
Vitali Klitschko hätte diesen Rückkampf mehr als verdient, doch kann er sich sicher sein, dass ihm aufgrund seiner beherzten Leistung beim gestrigen Kampf zumindest ein erneuter Kampf um die Weltmeisterschaft sicher ist. Ob der Gegner dann Lennox Lewis sein wird, bleibt abzuwarten.