Kampfberichte Kampfbericht
Roy Jones bestraft Richard Hall
Was genau sollte uns der Hauptkampf der Veranstaltung, die letzte Nacht in Indianapolis stattfand, sagen ? Gab es wirklich einen halbwegs informierten Boxfan, dem nicht von vornherein klar war, daß Herausforderer Richard Hall aus Jamaika gegen Roy Jones , den derzeit besten Boxer der Welt, chancenlos sein würde ? Wohl kaum.
Während Hall vor dem eigentlichen Beginn des Kampfes noch bemüht war, einen aggressiven und entschlossenen Eindruck zu machen, wurde es bereits wenige Sekunden nach dem Gong zur ersten Runde deutlich, daß er an diesem Abend absolut nichts zu gewinnen hatte. Der in allen Belangen haushoch überlegene Roy Jones hatte zu keiner Sekunde irgendwelche Schwierigkeiten mit Hall, weder mit dessen Größe und seiner Rechtsauslage, von seinen bescheidenen technischen Fähigkeiten ganz zu schweigen. Jones startete schnell und schickte den "Destroyer" bereits in der ersten Runde zweimal zu Boden.
Der Mann aus Florida hatte in diesem Mismatch jede Gelegenheit der Welt, alle seine Fähigkeiten zu demonstrieren und gut dabei auszusehen, während Hall damit beschäftigt war, Schläge zu vermeiden, die er so gut wie nie sehen konnte. Während der gesamten Kampfesdauer boxte Hall in einem semi-angeschlagenen Zustand, während Jones sich sichtlich Zeit mit ihm nahm, um eine gute Show zu liefern.
Und genau hier liegt auch das Problem und die Ursache der Vorwürfe, die sich Jones nach diesem Kampf zu Recht anhören werden muß. Aller Wahrscheinlichkeit nach hätte der amtierende Halbschwergewichtschampion den Kampf jederzeit beenden können, wenn er energisch und zielstrebig agiert hätte. Der einzige Grund dafür, daß Hall bis zur elften Runde durchhielt, war die Tatsache, daß Jones dies so wollte. Leider zog es der Titelverteidiger vor, seine Show abzuziehen und den sich wirklich bemühenden Hall nach allen Regeln der Kunst vorzuführen. Dies trieb er so weit, daß sogar der übertragende Sender HBO das Label "target practice" (Zielübungen) während einer Zeitlupe einblendete. In Runde 11 demonstrierte Jones dann das, was er bereits erheblich früher hätte tun können, als er einen Hagel von Schlägen aus allen Lagen und Positionen auf Hall niederprasseln ließ, der viel sehr viele harte Treffer nehmen mußte, bis sich der Ringrichter endlich erbarmte und den Kampf stoppte.
Soweit Roy Jones betroffen ist, mag das zwar als technisch brillantes Boxen durchgehen, hat aber mit einer weltmeisterlichen Leistung im sportlichen Sinne eher wenig zu tun, da ein Sieg gegen einen derart unterlegenen Gegner nur wenig zählt, woran auch jede Show der Welt nichts zu ändern vermag. Zwar wurde es deutlich, daß Jones seinen Ruf als bester Boxer Pfund für Pfund verdient, aber der Wettkampfcharakter dieser Farce war in etwa so ausgeprägt wie der des Schaulaufens bei einer Eiskunstlauf-WM.
Man muß also leider festhalten, daß weder Jones und schon gar nicht Hall mit diesem Kampf sportlich irgendetwas gewinnen konnten. Es ist sehr wahrscheinlich, daß dies das letzte Mal war, daß der Jamaikaner in einem auf großer Ebene übertragenen Kampf zu sehen war. Man darf ihm zwar zugute halten, daß seine Tapferkeit und Entschlossenheit ebenso ausgeprägt waren wie seine Chancenlosigkeit, aber dies wird bereits in wenigen Tagen in Vergessenheit geraten sein.
Gleiches gilt hoffentlich auch für das Co-Feature, in dem IBF-Mittelgewichtschamp Bernard Hopkins seinen Titel gegen Syd Vanderpool verteidigen konnte. Jeder Kommentar zu dieser furchtbaren Auseinandersetzung wäre reine Zeitverschwendung, weswegen wir es auch mit dem Ergebnis (Punktsieg Hopkins) bewenden lassen wollen.