Kampfvorschauen Kampfvorschau
John Ruiz vs. Nikolay Valuev - Der Vorbericht
Boxen ist gegen die Natur. Beim Boxen läuft alles anders als im Leben. Will man sich nach links bewegen, gleitet man nicht einfach nach links, sondern verlagert zuerst das Gewicht auf den rechten Fuß. Und auf den linken, wenn man nach rechts will. Statt wegzurennen, wenn einem weh getan wird, was im Leben nur natürlich ist, macht man beim Boxen das genaue Gegenteil. Denn Boxen ist ein Sport voller Gegensätze. Im Ring und außerhalb. Besonders deutlich wird das in der kommenden WBA-Schwergewichtsweltmeisterschaft zwischen John „The Quiet Man“ Ruiz ( BP-Nr. 4 ) und dem „Beast from the East“ Nikolay Valuev ( BP-Nr. 14 ).
Boxerisch ist nicht viel zu erwarten von diesen beiden Faustkämpfern. Kein Wunder, treffen doch „lediglich“ ein monströser Koloss und ein wilder Ringer aufeinander, deren beider Boxkönnen limitiert ist. Gleichwohl weckt diese Auseinandersetzung dennoch viel Interesse und Aufmerksamkeit. Die Sensationsgier bzw. die Lust auf ein Spektakel kennt eben keine Grenzen. Und wie damals im Wanderzirkus, wo Schlangenmenschen, Affen, Freaks und Magier die Zuschauer in ihren Bann zogen, tun es am kommenden Wochenende in der Berliner Boxhalle der gigantische Valuev, der mafiagleiche King, der rumpelstilartige Ruiz, der Geist von Max Schmeling, ein Sauerkohl, die ästhetischen Alis, die keifenden Zwerge Wegner, Gabrielian und Stone sowie viele andere „Gnome“ mehr. Gegensätze eben und die ARD überträgt das Kuriositätenkabinett live ab ca. 22.25 Uhr.
Der Boxstil von John Ruiz ( Foto ) ist so einfach zu beschreiben, wie er aussieht. Im Grunde hat er nur eine einzige gefährliche Waffe und das ist seine rechte Gerade auf der Innenbahn, die gelegentlich hart und schnell nach einem überfallartigen Angriff kommt. Ansonsten wühlt, ringt und klammert der Champion sich meist zum Sieg, zerstört mit seinem „Abducken“ und seinem „mit dem Kopf in den Mann“ den Kampf und den Gegner. Und wenn er es einmal mit rein boxerischen Mitteln versucht oder versuchen musste (weil der Ringrichter seine Nahkampfaktionen sofort unterbindet), dann wurde er schon von den sog. leichten Jungs der Klasse wie Roy Jones Jr. oder James Toney ( BP-Nr. 3 ) vorgeführt und deklassiert. Allerdings: Selbst ein Ruiz besitzt einige Mittel, um einen Riesen auszuboxen und auszupunkten. Doch dazu muss er schnell auf den Beinen sein, den richtigen Rhythmus finden und ständig mit irgendeiner Hand attackieren bzw. treffen, um sich gleich wieder zu entziehen und eine neue Aktion zu starten.
Auch Herausforderer Valuev erregt weniger durch sein Boxkönnen Aufsehen, mehr durch seine körperlichen Ausmaße. Mit einer Größe von 2,13 m und einem Gewicht von fast 150 kg ist er selbst in der Schwergewichtskategorie eine Ausnahmeerscheinung. Viele der „Big Guys“ wirken gegen diesen Giganten wie Zwerge und chancenlos, wenn „The Beast from the East“ seine Masse einsetzt. Er schiebt seine Führhand nach vorne, bewegt sich wie ein Berg auf seine potentiellen Bezwinger zu und erdrückt sie sozusagen mit seiner Kraft und seiner Fülle. Sein Gewichtsvorteil macht sich nicht unbedingt in dem einen alles zerstörenden Knockout-Punch bemerkbar. Vielmehr zermürbt er seine Gegner mit zunehmender Rundendauer und kaschiert mit diesem Stil seine boxerischen Schwächen und Defizite. Er geht meist nach vorne, stößt seine Linken und Rechten variabel heraus, immer und immer wieder. Einfach, aber bislang erfolgreich.
Trotz seiner überragenden Ausmaße hat der Russe beim Boxpublikum einen schweren Stand. Man erwartet, dass er seine Gegner förmlich überrollt, sie in Tyson-Manier vernichtet. Dazu fehlen ihm jedoch die nötige Power, das Tempo und die entsprechende Explosivtechnik. Deshalb halten viele Fans und Experten ihn nur für einen „Hype“ wie seinerzeit den italienischen Boxgiganten Primo Carnera , der boxerisch von vielen fälschlicherweise auch immer unterschätzt wurde.
Sicher, Valuev ( Foto ) mag langsam und behäbig scheinen. Logisch, wenn man bedenkt, welche Fülle er mitschleppen muss. Ebenfalls klar, dass er kein filigraner Techniker wie ein Ali sein kann. Dazu fehlen ihm die erforderlichen Talente. Aber er hat andere Anlagen wie zum Beispiel die gute Ausdauer und das vielbeschworene Herz eines Boxers. Oft wurde er verspottet, ausgelacht und im Grunde kommen die Zuschauer nur, um zu erleben, wie ein David den Goliath irgendwie und irgendwann von den Beinen holt. Ähnliches nahm sich 1994 bereits der russische Weltklasseboxer Alexei Lezin bei den Goodwill Games der Amateure vor, als er auf Valuev traf, damals noch ein blutiger Anfänger mit gerade mal einer Handvoll Fights im Startausweis. Und was passierte? Lezin hatte erhebliche Probleme und kam nach einem 8:8 erst im "tiebreaker" weiter. Allein diese Anekdote sollte ein kleines Indiz dafür sein, dass man bei Valuev mehr als vorsichtig sein muss. Nach dem Motto, wenn man ihm erst einmal gegenübersteht ...
Vorsicht ist auch beim Weltmeister geboten. Trotz der vielen äußerlichen Unterschiede haben Ruiz und Valuev zumindest eins gemein: Beide scheinen trotz aller Widerstände willensstark zu sein und Ausdauer sowie das angesprochene Herz zu haben. So wirkt „The Quiet Man“ gelegentlich wie eine streunende Katze, die neun Leben hat. Von David Tua 1996 kalt in der ersten Runde ausgeknockt, kam er mit mehreren Siegen in Folge wieder auf die Beine, um 2001 in der „Herr der Ringe“-Trilogie mit der Boxlegende Evander Holyfield am Ende als Sieger und Weltmeister hervorzugehen. Schon in der zweiten Titelverteidigung jedoch wurde er von Kirk Johnson mit Tiefschlägen auf den Boden der Tatsachen zurück befördert und der Halbschwergewichtler Roy Jones Jr. demontierte ihn 2003 endgültig und nahm ihm den Gürtel ab. Das Ende einer Farce und eines Langweilers, dachten viele erleichtert. Plötzlich jedoch war Ruiz wieder da und krallte sich mit Zitter- und Klammer-Siegen über gute Boxer wie Hasim Rahman ( BP-Nr. 6 ), Fres Oquendo und Andrew Golota ( BP-Nr. 12 ) erneut an der Spitze des Schwergewichtes fest. Nicht einmal der legendäre James Toney ( BP-Nr. 3 ) konnte Ruiz unterkriegen. Im Ring gewann er zwar und boxte den Puertoricaner zwölf Runden lang schwindlig, doch wegen eines Verstoßes gegen die Dopingvorschriften musste er den Titel wieder an „Quiet Man“ zurückgeben. Selbst Boxmanager Don King fluchte vermutlich: „Das bärtige Monster, das ich rief, werde ich wohl nie mehr los.“
Wahrlich, mit Ruiz lässt sich wirklich nicht viel Geld verdienen. Sogar King tut sich damit schwer und hofft wohl selbst auf den Sieg des russischen Riesen, damit er diesen über den Atlantik locken oder anderweitig mit entsprechenden Optionen von Valuev bzw. Sauerland Boxevent GmbH finanziell profitieren kann. Schließlich denken viele Amis bekanntlich gerne hin und wieder einige Nummern größer als üblich bzw. ratsam.
Frühere Auseinandersetzungen zeigen, dass der russische Koloss oft anfällig für Schlaghände ist, die überfallartig auf der Innenbahn kommen. Diese Waffe ist wie erwähnt eine Stärke des Weltmeisters. Auf blitzschnelle Angriffe mit einer Hand kann Valuev gar nicht adäquat reagieren. Eventuell auch deshalb, weil Leute seiner Größe oft am Tunnelblick und gewissen Sehstörungen leiden. Darum sucht der Herausforderer trotz seiner langen Reichweite überwiegend den Vorwärtsgang und übt Druck aus. Das ist gleichzeitig eine günstige Gelegenheit für den Champion, um seine Schlaghand zu etablieren und dann am Mann zu arbeiten, zu punkten oder seine berüchtigte Klammertaktik einzusetzen. Dagegen sah Ruiz immer schlecht gegen körperlich kleinere oder flinke Fighter wie Johnson, Jones Jr. oder Toney aus, die beweglich waren und entsprechend technisch boxen konnten. Gegen ebenbürtige oder kräftige Kontrahenten wie z.B. Golota, Rahman oder Oquendo konnte Ruiz dagegen seinen Haltestil durchsetzen und ihnen seinen Kampf aufdrängen. Allerdings stand der Weltmeister noch nie mit allzu hochgewachsenen Boxern und noch nie mit einem solchen Giganten wie Valuev im Ring. Geeignete Sparringspartner waren für Team Ruiz nur schwer zu finden. Gerüchten zufolge soll er in Las Vegas u.a. mit Jameel McCline , Audley Harrison , Tye Fields trainiert und sicher den ein oder anderen Tipp von Larry Donald erhalten haben.
Der berüchtigte Ruiz-Clinch-Stil kostet jedoch nicht nur den Gegner, sondern ihm selbst ebenfalls eine Menge Kraft und Kondition. Erst recht gegen einen Riesen wie Valuev, der so boxerisch gänzlich unbedarft auch nicht mehr ist und seine körperlichen Vorzüge ganz geschickt einsetzt, selbst in der Halbdistanz bzw. im Nahkampf. Es erscheint außerdem fraglich, ob der Champion über einen so harten Punch in seiner Rechten verfügt, dass er ausreicht, um den Koloss auf die Bretter zu schicken. Valuev zeigte schon gegen solide und ausgebildete Boxer wie Paolo Vidoz , Richard Bango oder Larry Donald durchaus sog. Nehmerfähigkeiten.
„The Quiet Man“ agiert auch zu selten mit Serien oder Kombinationen und es darf bezweifelt werden, ob harte Einzeltreffer das einzig probate Mittel gegen das Biest aus dem Osten sind. Ein großer Baum lässt sich meist erst mit mehreren Schlägen fällen, lautet eine alte Boxweisheit. Ob Ruiz und sein egozentrischer Trainer Norman Stone diesen alten Ratschlag in ihrer Taktik beherzigen?
Fraglich dürfte es weiter sein, ob der Champion topvorbereitet und topmotiviert in den Fight geht und seinen Stil konsequent durchziehen möchte. Gegen Toney versuchte er es plötzlich wieder wie früher über den boxerischen Weg, was bei diesem Kontrahenten nur schief gehen konnte. Allerdings zeigten die letzten Kämpfe der Don King-Schützlinge Larry Donald und Oliver McCall in Deutschland, dass sie alle zumindest gewillt waren, zu gewinnen und ihr aktuell Bestes gaben. Gleiches darf man dann wohl vom Puertoricaner erwarten, selbst wenn er weiß, dass mit ihm aufgrund seines langweiligen und destruktiven Boxstils nur schwer „Kasse“ zu machen ist und sich dieser Umstand bei einem knappen Kampfverlauf vielleicht auf die Sicht der Punktrichter niederschlagen wird.
Trotz aller Kritik tut man John Ruiz und Nikolay Valuev ein wenig Unrecht, wenn man ihnen jegliches Boxkönnen abspricht. Beide haben im Ring viele Erfahrungen gesammelt und boxerisch einiges dazugelernt. Oft ausgepfiffen und ausgebuht, haben sie unbeirrt und stur weiter ihren Weg verfolgt und ihren Stil durchgezogen, koste es, was es wolle. Und beide waren damit erfolgreich. Valuev hat einige gute Boxer besiegt und es bis zum WM-Herausforderer gebracht. Der Mann aus Puerto Rico schaffte es aus ärmlichen Verhältnissen trotz vieler Niederlagen, Rückschlägen und begrenzten Möglichkeiten immerhin gleich zweimal zu Weltmeisterehren. Das allein verdient Annerkennung, Respekt und zeugt davon, dass man beide Kämpfer nicht unterschätzen sollte.
Außerdem istnicht zu vergessen, dass „The Quiet Man“ früher durchaus manche seiner Fights über den boxerischen Weg gewann. Seine Mittel sind zwar begrenzt und nicht überragend, dennoch könnte für ihn gegen Valuev ein weiterer Schlüssel zum Sieg im „Boxen“ liegen und nicht im „Ringen“. Damit würde der Überraschungseffekt auf der Seite des Champions liegen und die Begegnungen von Valuev gegen Donald oder Dominguez haben gezeigt, dass der Riese bisweilen auch unsicher und taktisch unklug werden kann, wenn seine Schläge nicht treffen oder der Gegner sich rein und raus bewegt. Ruiz hat nichts zu verlieren und wenn er seine wenigen boxerischen Mittel entsprechend seiner Verhältnisse richtig einsetzt, könnte es ihm unter Umständen sogar gelingen, den Russen auszuboxen.
Man traut dem Weltmeister also eine erfolgreiche Titelverteidigung zu, wenn er zu seinem Fight, seinem Kampfgeist findet und trotz einiger privater Probleme und geschäftlicher Dispute mit King und anderen hundertprozentig motiviert ist. Man traut aber genauso dem russischen Giganten eine beeindruckende Vorstellung zu, weil der Weltmeister wie gemacht für seine Art zu boxen scheint und Valuev viele andere Trümpfe wie Heimvorteil, Größenunterschied etc. besitzt. Man sollte allerdings die äußeren Einflüsse und Faktoren in dieser Auseinandersetzung nicht außer acht lassen. Da ist beispielsweise der egozentrische Trainer Norman Stone, der stets lautstark seine Meinung in den Ring brüllt und selbst vor Beleidigungen des Ringrichters oder Don Kings nicht zurückschreckt. Da sind die vielen versteckten Fouls und „schmutzigen“ Tricks von Valuev und Ruiz, die sich allein schon aus Gründen ihres Boxstils und ihrer Persönlichkeit wohl nie komplett vermeiden lassen. Da sind King, Sauerland und die Punkt- und Ringrichter mit ihren manchmal unterschiedlichen Auffassungen, was die Regelauslegung, Boxphilosophie und Rundenwertung angeht. Kontroversen liegen also genug in der Luft und wirklich überraschend wäre es nur, wenn die Weltmeisterschaft ohne Haken und Ösen über die Bühne „geschmiert“ wird.