| |
BP-Inside:
Nachruf auf Floyd Patterson
Von Wolfgang Oswald

„Sie sagen, ich war der Champ, der die meisten Bodenbesuche
hatte. Aber sie vergessen, dass ich auch der Champ war, der am häufigsten
wieder aufgestanden ist.“ Dieses ironische Zitat stammte von
Floyd
Patterson, der während seiner Boxkarriere viele Niederschläge,
Spott und Häme einstecken musste. In seinem allerletzten Fight gegen
Alzheimer und Krebs blieb ihm das Aufstehen leider verwehrt. Am 11. Mai
2006 wurde er in die ewige Finsternis befördert. Rückkehr diesmal
unmöglich.
„They never come back“ - Floyd Patterson brach
als Erster das Gesetz
Patterson wurde am 4. Januar 1935 in North Carolina geboren. Die Familie
zog schon bald nach Floyds Geburt um nach New York in die Bedford-Stuyvesant-Sektion
von Brooklyn. Elf Kinder hatte Vater Patterson, ein ungelernter Arbeiter,
der recht froh war, als Floyd mit Boxen Geld verdiente und später
dem ganzen Clan ein Haus kaufte. Doch zunächst entwickelte Floyd
eine ziemliche Abneigung gegen Schule und Ordnung. Mit elf Jahren hatte
er plötzlich keine Lust mehr auf Schule. Der überfüllte
Raum, der Dreck, der Lärm - der oft so ohrenbetäubend war, dass
man den Lehrer nicht mehr verstand - und die Lust zur Zigeunerei machten
ihn zum Verweigerer. Er war scheu, konnte niemandem in die Augen sehen
und übermalte sogar sein Gesicht auf einem Foto mit schwarzer Farbe.
„Ich kann diesen Jungen nicht leiden“, sagte er damals
zu seiner Mutter.
Die Folge: die Mutter brachte Floyd Patterson in eine Erziehungsanstalt
in Wyltwyck, zu Füßen der Catskill Mountains. Er hatte sich
dieses Institut als eine Art Zuchthaus vorgestellt und war erstaunt von
dem Lehrbetrieb: gute Pädagogen, viel Sport und Bewegung in freier
Natur, schöne helle Klassenzimmer und saubere Unterkünfte. So
wurde Floyd ein ausgezeichneter und folgsamer Schüler, was jedoch
bereits nach einem Jahr zur Vertreibung aus diesem Paradies, wie er es
nannte, führte. Er war ein solcher Musterschüler geworden, dass
man ihn mit einem Bündel guter Zeugnisse an eine öffentliche
Schule namens PS 614 zurückschickte.
In dieser Schule bekam er Kontakt mit dem Deutschamerikaner Schwerfel,
der in Brooklyn ein Hotel betrieb. Schwerfel gehörte zu den Gönnern
der PS 614, die sich um minderbemittelte Kinder annahmen. Durch Schwerfels
Vermittlung durfte Floyd auf die High School. Die finanzielle Not im Elternhaus
aber zwang ihn, die High School bald wieder zu verlassen. Schwerfel verschaffte
ihm einen Job in seinem Betrieb und er war es auch, der seine Boxerei
förderte. Er brachte Patterson und dessen Bruder Frank
zu Trainer Lavelle ins Gramercy Gym an der Lower East Side von Manhattan.
Lavelle war ein Angestellter von Cus D´ Amato,
einem boxverrückten Junggesellen, Trainer und Manager aus Leidenschaft.
O-Ton Amato: „Floyd wirkte immer wie ein Fremder.“
Amato mochte den schüchternen und stets in sich gekehrten Patterson
auf Anhieb und schenkte ihm seine ganze Aufmerksamkeit. Von Anfang an
hielt er seine schützende Hand über das junge Talent, das beim
ersten Sparring noch bittere Tränen vergoss, als es harte Treffer
einstecken musste. Als 15-Jähriger bestritt Floyd 1950 dann seine
ersten offiziellen Amateurkämpfe. Ein Jahr später gewann er
bereits das New Yorker Turnier um die Goldenen Handschuhe und drei vorzeitige
Siege 1952 bei der nationalen Qualifikation bescherten ihm das Flugticket
nach Finnland zu den Olympischen Spielen. Drei Knockoutsiege und ein Sieg
nach Punkten brachten ihm in Helsinki die Goldmedaille im Mittelgewicht.
Der siebzehnjährige Amerikaner war damit der zweitjüngste Olympiasieger
der Geschichte im Amateurboxen.
Noch im gleichen Jahr wechselte Patterson mit einem Amateurrekord von
40-4 (37 KO) zu den Berufsboxern. Die Fähigkeiten D´Amatos
ersparten ihm den mühseligen Weg über kleine Rahmenkämpfe.
Patterson begann sofort als Hauptkämpfer, bis jemand herausfand,
dass er eigentlich noch gar nicht boxen durfte. Amerikas Sportgesetze
verboten es damals Jugendlichen unter 18 Jahren, eine Profilizenz zu erwerben.
Man sperrte Floyd und ließ ihn, da er inzwischen 18 Jahre alt geworden
war, weiterboxen - mit der Einschränkung allerdings, dass er die
nächsten zwei Jahre nur Achtrunden-Kämpfe bestreiten durfte.
Patterson gewann seine ersten Fights, doch nicht immer machte er dabei
eine sonderlich überlegene Figur. D´ Amato schlug deshalb zunächst
eine Kampf-Offerte des Ex-Weltmeisters im Halbschwergewicht Joey
Maxim aus. Schließlich kam es 1954 aber doch zu dem Treffen
des 19-Jährigen mit einem der besten Techniker seiner Zeit. Der clevere
und erfahrene Maxim bekam die knappe Punktentscheidung zugesprochen. Viele
Zuschauer am Ring hatten zwar Patterson als Sieger gesehen, dennoch blieb
es bei dem Urteil.
Patterson ließ sich von diesem herben Rückschlag nicht entmutigen.
Nach einem Aufbaukampf traf er noch 1954 auf Tommy Harrison,
einem Stammgast in den Weltranglisten. 89 Sekunden dauerte die Begegnung,
dann war Harrison erledigt. Und Patterson war mit diesem Blitzknockout
zur Zugnummer geworden - wenn auch der Streit seines Managers Amato mit
den Allmächtigen des korrupten Internationalen Boxing Club seinen
Aufstieg nicht gerade förderte. Trotzdem setzte sich Amato mit seinem
Schützling durch. Der schlug Marcianos Chefsparringspartner Joe
Ganon, und er hatte mit Jimmy Slade einen Mann
mehrmals am Boden, der schon einige Weltklasseleute hatte stolpern lassen.
Schließlich gewann Patterson gegen Tommy Jackson
einen Ausscheidungskampf um den WM-Titel, der durch Marcianos Rücktritt
freigeworden war. Damit stand 1956 die Begegnung Archie Moore
gegen Floyd Patterson fest. Boxlegende Moore wurde in der fünften
Runde ausgezählt und mit dem erst 21-jährigen Patterson schien
ein Weltmeister seine Regentschaft angetreten zu haben, von dem man annahm,
er könne jahrelang regieren. Zunächst sah es auch tatsächlich
so aus. Floyd wehrte die Angriffe der Herausforderer Tommy Jackson, Pete
Rademacher, Roy Harris und Brian London
ab und stellte sich 1959 dem Schweden Ingemar Johansson,
der kometengleich in Europa zur Spitze gekommen war.
Der Hammer von Thor
Von den führenden Boxexperten war dem Schweden nicht der Hauch einer
Chance gegen Patterson eingeräumt worden. Zwar war Johannson unbesiegt
und hatte zuletzt Eddie Machen, einen gefürchteten
Weltranglistenmann in einer Runde aus dem Ring gefegt. Aber ihm haftete
der Makel an, ein „Weichei“ zu sein. Im Finale der Olympischen
Spiele von Helsinki war Johannson gegen den Amerikaner Ed Sanders
nur geflüchtet, deswegen qualifiziert worden und hatte keine
Silbermedaille erhalten. Und nun besaß dieser Typ die Frechheit,
seine ganze Familie mit ins Trainingscamp in den Catskill Mountains zu
bringen und die Nächte mit seiner attraktiven Braut Birgit
durchzutanzen. Ein skandalöser Vorgang damals, waren Camps doch spartanische
Männersache. In den Staaten gab daher niemand etwas auf den Schweden.
Alle schrieben von einem Mismatch.
Die Experten sollten sich täuschen und mussten erleben, dass Patterson
von „Thors Hammer“ in drei Runden siebenmal zu Boden und bis
zur totalen Hilflosigkeit zusammengeschlagen wurde. Für den Amerikaner
eine Schmach, die Neunmalklugen unter den Boxexperten fanden jedoch schnell
eine Ausrede für ihre peinliche Fehlprognose: "Wir haben
es immer gewusst: Er hat ein Glaskinn". Er wurde zum Weltmeister
in einer klassearmen Zeit.
Der beleidigte Patterson flüchtete in die Einsamkeit, schaute sich
sein Waterloo immer und immer wieder an. Er machte keine großen
Sprüche, sondern große Anstrengungen, um in die bestmögliche
Form zu kommen, verpflichtete Rechtshand-Puncher und übte bis zum
Erbrechen das Vermeiden von geraden Rechten, die ihm durch den Wikinger
zum Verhängnis geworden waren.
Dennoch war diesmal Johannson der Favorit, als es 1960 zum Rematch kam.
Einfache Experten-Welt und gewöhnliches Stammtischgequatsche eben.
Man glaubte ganz einfach, dass der Amerikaner durch die Schwere seiner
Niederlage demoralisiert sei. Patterson sagte zu all diesen Vermutungen
nichts. Wie in seiner gewohnt höflichen Art gab er ausweichende Antworten,
ahnte aber, dass er am Kreuzweg seiner Karriere stand.
Im Rematch versuchte es der Schwede erneut mit der gleichen Strategie.
Er griff an, schoss blitzschnell seine Rechte ab, doch diesmal kam er
damit nicht mehr voll durch. Patterson wich aus, wehrte ab und in der
fünften Runde gelang ihm ein wuchtiger linker Kopfhaken, und der
Weltmeister fiel. Blut rann aus seinem Mund, mit letzter Kraft kam er
nochmals auf die Beine. Patterson verfolgte ihn gnadenlos, erwischte Johansson
erneut mit einem krachenden Haken und die Weltsensation war perfekt. Floyd
Patterson hatte als erster besiegter Schwergewichtsweltmeister der Geschichte
seinen verlorenen Titel zurückerobert. Jetzt wurde er von den Fachleuten
und Boxfans, wen wundert´s, wieder als Held gefeiert. Im dritten
und entscheidenden Aufeinandertreffen wiederholte er 1961 seinen Sieg
in der sechsten Runde, war allerdings zuvor selbst zweimal am Boden.
„Es tut mir Leid, Herr Präsident, aber ich muss gegen Sonny
Liston antreten. Mein Titel ist nichts wert, wenn die besten
Boxer keine Chance erhalten, um ihn zu kämpfen. Und Liston hat sich
diese Chance im Ring verdient.“
Patterson 1962 zu John F. Kennedy, als dieser ihm den
Rat gab, nicht gegen den „Mafiaboxer“ anzutreten
Pattersons Sportsgeist und sein Stolz führten 1962 zum Bruch mit
Amato, der nicht wollte, dass er sich dem gefürchteten Liston stellte.
Liston wurde vom skandalösen International Boxing Club unter der
Leitung von Frankie Carbo nach oben gebracht. Ähnlich
wie später Don King hatte dieser Verband die damals
besten Boxer unter Vertrag und Amato verhinderte mehr als einmal ein Aufeinandertreffen
seines Schützlings mit Fightern dieses Verbundes.
Floyd dazu: „Wir waren zwölf Jahre zusammen. Anfangs war
er wie ein Vater zu mir und er hat auch erhebliche Verdienste um mich.
Jetzt aber schäme ich mich für ihn. Ersparen Sie mir bitte detaillierte
Erklärungen zu einem traurigen Kapitel, an dem ich keine Schuld habe.“
So kam wie es kommen musste: Floyd wurde von Liston förmlich vernichtet
und verlor seinen WM-Gürtel. Zweimal stellte er sich dem grimmigen
Riesen und verlor beide Male innerhalb einer Runde.
O-Ton Patterson: „Alle meinten, ich hätte Angst vor ihm.
Aber ich hatte wirklich keine. Und so rannte ich jedes Mal in mein Verderben.
Vielleicht wäre Angst nötig gewesen. Dann hätte ich klüger
geboxt und gewonnen.“
Pattersons Comeback-Versuche
Patterson regierte als Weltmeister in den Jahren 1956 bis 1959 und 1960
bis 1962. Geld hatte er in dieser Zeit genug verdient, und eigentlich
wäre es nach dem Liston-Debakel Zeit für den Rücktritt
gewesen. Doch Floyd liebte das Boxen und machte weiter - trotz der zwei
katastrophalen Niederlagen, als wieder einmal keiner der allwissenden
Boxexperten mehr dachte, er könne sich davon erholen.
Patterson kehrte 1964 nach Skandinavien zurück, das er liebte, wo
er in Helsinki das Gold gewonnen und nach der Scheidung von seiner ersten
Frau Sandra die zweite, eine Schwedin, für sich
gewonnen hatte. Dort schloss er Freundschaft mit seinem ehemaligen Widersacher
Johansson und gewann gegen den Ranglistenmann Eddie Machen
eindrucksvoll nach Punkten. Als er 1965 auch noch den starken George
Chuvalo, den eisernen Holzfäller aus Kanada, auspunktete,
da bekam er die Gelegenheit zum dritten Male Weltmeister zu werden.
Der legendäre Muhammad Ali hatten den „großen
hässlichen Bären“ Sonny Liston entthront und akzeptierte
1965 den Exweltmeister Patterson als Herausforderer. Floyd hielt tapfer
mit und schaffte es mit dem „Größten“ immerhin
bis in die zwölfte Runde. „End of the line“? Irrtum!
Floyd leckte seine Wunden und knockte 1966 den populären Engländer
Henry Cooper aus.
Muhammad Ali hatte inzwischen - wegen seiner Weigerung als Soldat gegen
Vietnam in den Krieg zu ziehen - seine Krone verloren. In einem Turnier
um Alis Nachfolge kamen Jimmy Ellis und Floyd Patterson
in ein Finale, das 1968 in Stockholm stattfand und Ellis als Punktsieger
sah. Wie ein Jahr zuvor gegen Jerry Quarry musste Gentleman
Patterson abermals eine äußerst umstrittene Punktniederlage
einstecken, für die damals einzig und allein Ringrichter
Harold Valan verantwortlich war (der Kampf fand ohne Punktrichter
statt, der Ringrichter hatte die Entscheidungsgewalt). Die Zuschauer randalierten,
pfiffen das Fehlurteil in ihren Augen gnadenlos aus. Patterson schwieg
dazu, akzeptierte das Ergebnis - und nahm einen neuen Anlauf.
1971 bekam er den gefährlichen Argentinier Oscar „Ringo“
Bonavena vor die Fäuste und bezwang die wandelnde Kraftstation.
Noch ein letztes Mal kam er 1972 in einem Titelkampf als Herausforderer
für den zurückgekehrten Ali in Betracht. Doch diesmal dauerte
es nur sieben Runden, bis Floyd, inzwischen 37 Jahre alt, merkte, dass
es nicht mehr ging.
O-Ton Patterson: „Ich weiß, dass 99 % aller Boxer aus
der Gosse gekommen sind und viele leider in diese zurückkehrten.
Ich kam auch aus dem Ghetto, aber ich habe mein Geld angelegt. Ich verdanke
dem Boxsport alles und möchte verhindern, dass geldgierige und skrupellose
Geschäftemacher das Boxen kaputtmachen.“
Patterson war zwar als Boxer zurückgetreten, aber dem Boxsport blieb
er noch lange erhalten. Als Trainer führte er beispielsweise seinen
Adoptivsohn Tracy Harris Patterson 1992 zur Weltmeisterschaft.
Von 1977 bis 1984 war er Mitglied und von 1995 bis 1998 Vorsitzender der
New Yorker Boxkommission. In dieser Zeit setzte er sich u.a. für
die Einführung von Boxhandschuhen mit angenähten Daumen ein,
um das Risiko von Augenverletzungen für die Faustkämpfer zu
senken. 1998 allerdings wurde er von seiner Funktion in der Kommission
auf unwürdige Weise entbunden, als bekannt wurde, dass er an Vergesslichkeit
litt und Anzeichen von Alzheimer zeigte. Sein sinnvoller Einsatz für
eine Rente bei den Berufsboxern und ein Verbot des „Ultimate Fighting“
blieb damit erfolglos. Mit seiner Familie zog sich Patterson enttäuscht,
verbittert und traurig auf eine Farm bei New Paltz in der Nähe von
New York zurück, kümmerte sich in seinem Boxgym um Problemkinder
und wirkte an sozialen Projekten mit.
Patterson war ein Mann, der allgemein ein wenig unterschätzt und
oft zu Unrecht kritisiert wurde, auch wenn er als Kämpfer und Persönlichkeit
sein Maß an Unsterblichkeit gewonnen und verdient hatte. Während
heute viele Schwergewichtsboxer wie beispielsweise Wladimir Klitschko
von Revanche lediglich reden, war Patterson ein Boxer, der seinen Worten
stets Taten folgen ließ und mehrfach auch gegen unliebsame Gegner
antrat, um des Boxsportswillen. In absehbarer Zeit wird es leider so schnell
keinen zweiten Floyd Patterson mehr geben, der sich stets auch seinen
Widersachern gegenüber fair verhielt. Dafür gibt es gegenwärtig
um so mehr allwissende Experten, nörgelnde Boxfans und harsche Kritiker,
die für einen großen Boxer wie ihn wegen seiner Niederlagen
heute nur ein müdes Lächeln übrig hätten und selbst
über seine Stellung als „Hall of Fame“-Boxer noch streiten
können.
O-Ton Janet Patterson: „Floyd war oft zu hart
zu sich selbst und viel zu weich gegenüber anderen. Er nahm immer
zuviel Rücksicht auf andere, diese nahmen jedoch überhaupt keine
Rücksicht auf ihn.“
Sonntag,
11. Mai 2006
|
|