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Wladimir Klitschko
vs.
Calvin Brock
- Der Vorbericht


von Wolfgang Oswald




Für Klitschko-Freunde, Klitschko-Skeptiker und Klitschko-Gegner

Zehn lange Jahre als Berufsboxer hat es gedauert: Jetzt endlich steht Dr. Wladimir Klitschko (BP-Nr. 1, Foto oben links) in seinem bereits 50. Kampf wieder ganz oben. Er ist der amtierende Schwergewichtsweltmeister der IBF, hat einen Millionenvertrag mit dem Fernsehsender RTL abgeschlossen, verteidigt seinen Titel am kommenden Sonntag im altehrwürdigen Madison Square Garden von New York und gilt gegenwärtig als die Nummer Eins in der Königsklasse. Gut, unter Blinden ist der Einäugige König und zu Beginn wollten er und sein älterer Bruder Vitali in dieser Zeitspanne schon längst alle Titel abgeräumt und vereinigt wissen sowie die gesamte Schwergewichtszene aufgemischt haben. Bekanntlich kommt es aber immer anders als man denkt. Nun befindet sich „Dr. Steelhammer“ irgendwie erneut erst am Anfang mit seiner Titelverteidigung gegen den 31-jährigen boxenden Banker
Calvin Brock
(BP-Nr. 13, foto oben rechts) und schickt sich an, in Henry Maskes Fußstapfen als RTL-Boxquotengarant zu treten. Frei nach seinem Ausspruch in der Milchschnitte-Werbung: „Hier waren wir schon mal!“


Hofmacher Klitschko: Angriff auf die Herzen von Amerika

Bei Frauen bin ich Jäger“, erzählte der spendenfreudige Dr. Wladimir Klitschko einst der Bildzeitung. Die holde Weiblichkeit seufzt darüber entzückt auf, während sich viele Boxfans ärgern, dass sein Jagdtrieb noch nicht auf das Sammeln weiterer WM-Titel übergesprungen ist. Dafür gibt's ein Wiedersehen mit RTL als Boxsender, der diesen Sport vor Jahren mit Maske, Schulz & Co. nach der berüchtigten „Rotlichtzeit“ salonfähig gemacht hat, trotz eines nervenden Kommentators Werner Schneyder und noch viel nervenderer Werbung in den Ringpausen. Ein Comeback von Schneyder wird es vermutlich nicht geben, wohl aber die bekannte Boulevard-Berichterstattung von RTL mit Werbeunterbrechungen und reißerischer Aufmachung. Doch zugegeben, zu Frauenliebling Wladimir Klitschko passen Promis, Superlative, Glanz und Glamour wie die Faust aufs Auge. Mit seinen pseudointellektuellen Kommentaren, seinem attraktiven Äußeren, seinem öffentlichen Engagement für soziale Zwecke und seinem hintergründigen Charme ist er wie geschaffen für die Rolle des gläsernen Helden in der seichten Unterhaltungsbranche. Zumal es dort scheinbar viele weibliche Fans gibt, die das Wort „Pugilist“ nicht kennen und angeblich unwissend schauen, wenn der gewiefte Ukrainer die Frage nach seinem Beruf damit schlagfertig beantwortet und sich über soviel Naivität köstlich amüsiert.

O-Ton Klitschko: „Mit Manny Steward als Trainer bin ich reifer, erwachsener geworden.“

Selbst eingefleischte Hardcore-Boxfans müssen eingestehen, dass der Mann aus der Ukraine inzwischen zumindest kein „feiges Weichei“ oder „nur schöner Boxsportler“ mehr ist. Klitschko kämpfte sich nach den vernichtenden Niederlagen 2003 gegen Corrie Sanders (Verlust des WBO-Gürtels) und 2004 gegen Lamon Brewster (BP-Nr. 7) zurück. Er stellte sich 2005 dem jungen und wilden Emporkömmling Samuel Peter (BP-Nr. 3), zeigte dabei so etwas wie „Boxerherz“ und gewann trotz dreier Bodenbesuche relativ klar und eindeutig nach Punkten. Dann folgte 2006 der abermalige Titelgewinn und die imponierende Galavorstellung gegen den gewiss nicht schlechten Chris Byrd (BP-Nr. 8), der an jenem Abend allerdings überhaupt keine Chance hatte, eine enttäuschende Leistung bot, nie in den Kampf kam und von Klitschko förmlich deklassiert wurde. Nun wartet mit Calvin Brock jedoch eine neue und würdige Herausforderung auf den frischgebackenen Weltmeister, den dieser im Gegensatz zu Peter und Byrd weder aus früheren Sparringszeiten noch aus einem früheren Fight „kennt“.

Der Amerikaner ist außerdem ungeschlagen und alles andere als Fallobst oder eine leichte Aufgabe. Brock ist schnell, beweglich und nicht leicht zu treffen. Er schlägt eine sehr gute und harte Schlaghand auf der Innenbahn und ist hin und wieder mit Haken brandgefährlich. Brock verfügt über jede Menge Boxerfahrung und hat eine solide Amateurausbildung (147 Kämpfe, 38 Niederlagen) hinter sich. Der große internationale Erfolg bei den Amateuren blieb allerdings aus und bislang ließ seine Profiboxkarriere Ähnliches erwarten. Zwar hat er all seine Kämpfe gewonnen, doch einige Siege waren nicht unbedingt eindrucksvoll und vielversprechend, zumal er bereits gegen Boxer der sog. zweiten Garde wie beispielsweise Jameel McCline Probleme hatte und hier einen Niederschlag hinnehmen musste.


Versagen ist keine Option (Motto des Kampfes)

Der Boxstil der beiden Kontrahenten lässt auf ein taktisch geprägtes Faustgefecht schließen, in dem jeder zunächst versuchen wird, die eigene Führhand zu etablieren. Die Physis, die Körpergröße und längere Reichweite sprechen dabei eher für den IBF-Champion und Olympiasieger von 1996. Allerdings agiert Klitschko in den beiden ersten Runden meist noch etwas steif und verkrampft. Ziel von Brock (Foto) muss es also sein, den Ukrainer nie in den Kampf kommen zu lassen. Wenn sich Klitschko erst einmal eingeschossen hat, locker und selbstbewusst wird, ist es schwer, ihm beizukommen. Erst recht über die Punkte, denn wirklich ausgeboxt wurde Klitschko als Profiboxer noch nie.




Kein leichtes Unterfangen für Herausforderer Brock, der gelegentlich sehr unspektakulär und abwartend kämpft, ganz eben im Zeichen eines nüchternen Bankangestellten mit Schlips und Kragen. Weniger „wilder Stier“, sondern mehr „langweiliger Bürohengst“. Doch vielleicht kann der Amerikaner ja trotzdem alle überraschen, Klitschko mit dieser Kampfweise einlullen und im richtigen Augenblick seinen Hammer auspacken, mit dem er schon einige sehenswerte Knockoutsiege errungen hat. Brock scheint eben zu jener Sorte Mensch zu gehören, der auf den ersten Blick gewöhnlich wirkt, aber beim zweiten Hinsehen stellt man fest, dass unter der Oberfläche interessante Dinge lauern. Sein größtes Hobby ist der Stepptanz. Das deutet auf eine ausgezeichnete Kondition und Koordinationsfähigkeit hin. Zudem kann er mit beiden Händen gut hinlangen. So boxte er als Amateur einige Jahre lang als Rechtsausleger, obwohl er eigentlich Normalausleger ist.

Kleine Indizien für eine ernstzunehmende Kampfansage, der sich Klitschko im Boxmekka von New York stellt. Brock ist ein sehr gewissenhafter, ehrgeiziger und ruhiger „Arbeiter“. Die Arbeit zum Körper mit dem Jab, der linke Haken und die rechte Gerade sind Waffen, mit denen man den Weltmeister aus dem Gleichgewicht bringen kann und die Brock im Tank hat. Dazu verfügt er über weitere solide Anlagen sowohl in der Defensive als auch Offensive; jenes berühmte „Feuer“, jene „Außergewöhnlichkeit“ und jenen „Hunger“ allerdings, der viele große Schwergewichtschampions in der Vergangenheit auszeichnete, ließ er bislang vermissen. Er explodiert einfach zu selten, kämpft mit nicht allzu viel Enthusiasmus und gebraucht die linke Führhand eine Spur zu wenig. Das sind einige Aspekte, die er sich gegen den IBF-Weltmeister nicht erlauben darf, selbst wenn der 30-jährige Klitschko inzwischen in der Altherren-Riege von RTL zusammen mit Henry Maske (42) und Axel Schulz (38) auftritt und sich die Bezeichnung „Herren der Ringe“ gefallen lässt. Bleibt zu hoffen, dass Klitschko gegen Brock am Ende nicht genauso alt aussieht, wie es die beiden ehemaligen Boxrentner heute sind.

Denn Brock ist ein Mann, den man schon öfter vorschnell abgeschrieben hat: Als Amateur hatte er Startschwierigkeiten, keine vernünftigen Trainer und wurde später trotzdem die nationale Nummer 1 in den Staaten. Nach seinem Debakel bei Olympia 2000 (Brock verlor in der Vorrunde durch RSCO gegen Paolo Vidoz) hatte ihm niemand eine erfolgreiche Karriere bei den Profis zugetraut, dennoch kämpft er um den WM-Gürtel. Und jetzt rechnet eigentlich keiner ernsthaft damit, dass Brock dem Weltmeister gefährlich werden kann. Zu einfach, zu durchschnittlich scheinen seine gesamten Mittel. Doch vielleicht wächst der boxende Banker ausgerechnet in der Begegnung gegen Klitschko über sich hinaus und straft seine Kritiker abermals Lügen.
Donnerstag, 09. November 2006

 
     

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